Rotthausen – im Fokus der Wissenschaft

Quartiersarbeit bedeutet auch, gemeinsam zu feiern – beispielsweise bei den Rotthauser Musiktagen, auf dem Schulhof der Turmschule.

Universität Münster, Brost-Stiftung und die Bundesagentur für Arbeit untersuchen und beschreiben, was den Stadtteil Rotthausen so besonders macht

(SuSch/JP) Kaum zu glauben, aber wahr: Im Stadtteil Rotthausen geben sich die Wissenschaftler mittlerweile die Klinke in die Hand. Gleich vier Institutionen waren oder sind aktuell im Quartier unterwegs. Die Universität Münster, die Broststiftung, die Bundesagentur für Arbeit und die EBZ Business School für Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (wir berichteten) wollen wissen, das Rotthausen so besonders macht.

Wie es gelingen kann, Dienstleistungen des Jobcenters direkt zu den Menschen zu bringen, lässt sich seit 2019 am gemeinsamen „Quartiersbüro“ besonders gut beobachten. Unter dem Stichwort „Rotthausen – ein Stadtteil wird zum arbeitsmarktpolitischen Dorf“ hat die Bundesagentur für Arbeit deshalb den Stadtteil als eine von 45 Schwerpunktregionen für die Reduzierung von Langzeitarbeitslosigkeit aufgenommen. In die Auswahl für „Lebenslagenorientierte Integrationsstrategien im kommunalen Raum“ kam Rotthausen, weil hier gemeinsam mit Netzwerkpartnerinnen und -partnern wie dem Rotthauser Netzwerk oder der Rotthauser Post niedrigschwellige Anlaufstellen für die Bewohnerinnen und Bewohner aus einem schwierigen Umfeld geschaffen wurden, so die Bundesagentur für Arbeit. Weitere Partner in dem Entwicklungsfeld sind u.a. Herne, Salzgitter, Berlin-Pankow, das Vogtland, das Jerichower Land und der Regionalverband Saarbrücken.

„Die Bedeutung der Quartiersarbeit. Für die Reintegration der Mehrheitsgesellschaft“ lautet der Titel einer Broschüre, die Mitarbeiter der Brost-Stiftung und der Bonner Akademie für Forschung und Lehre Praktischer Politik auch nach Rotthausen geführt hat. Lucas Scheel, einer der Autoren, hat das Rotthauser Netzwerk bei seiner Arbeit begleitet und sich vor Ort einen Eindruck von der Wirkungsweise des Quartiersbüros gemacht. Sein Fazit: Ein Quartiersbüro wie das in Rotthausen sei ein „effektives Mittel, die Stadtteilbewohner zur unkomplizierten Teilhabe vor Ort zu bewegen und um der eigenen Sache zu mehr Aufmerksamkeit bei der Zielgruppe zu verhelfen.“ Dafür brauche es aber motivierte Leute, die sich im Stadtteil auskennen, die Vernetzungschancen suchen und nutzen können – und zusätzlich das Vertrauen der Stadtteilbewohner genießen, so Scheel.

Warum beteiligen sich die Menschen politisch? Dieser Frage gehen Politikwissenschaftler der Universität Münster nach. Neben Hamburg gehört Rotthausen zu den zwei Forschungsbieten. Der Grund: die ausgeprägte Vereinsstruktur im Stadtteil. „Hürden wie eine hohe Migrationsquote, Altersarmut oder ein niedriger Bildungsstand sollten eigentlich dazu führen, dass sich die Bewohner nicht politisch engagieren. Das scheint in Rotthausen anders zu sein“, erklärt Jan Kassner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des einjährigen Projektes „Neue Beteiligung und alte Ungleichheit? Politische Partizipation marginalisierter Menschen“, das vom Bundesverband für Wohn- und Stadtentwicklung finanziert wird.