Geschwister auf bewegender Reise

Berat und Gresa Arifi laden Gäste gerne in die Gartenhütte ein. Dort werden auch ernste Familiengespräche geführt. So ist es Tradition. Foto: Jennifer Humpfle

Aufgewachsen in Flüchtlingsheimen – Berat und Gresa Arifi setzen sich politisch ein und arbeiten an ihren Träumen

(J.H.) „Mama, ich möchte später mal auf der anderen Seite des Tisches sitzen“, hat Berat Arifi (22) schon als kleiner Junge zu seiner Mutter gesagt. Seine Eltern flohen 1998 aus dem Kosovo nach Deutschland. Seine Schwester Gresa (20) und er wurden zwar in Deutschland geboren, verlebten aber ihre ersten Lebensjahre mit den Eltern in Flüchtlingsheimen. Heute wollen die beiden vor allem eines: ihren Eltern und dem Land, das ihnen eine sichere Zukunft gewährt hat, danken und sich darüber hinaus für die deutsch-albanische Verständigung einsetzen.

„Unsere Eltern sind auf dem Höhepunkt des Krieges hergekommen und wussten nicht ein noch aus“, erzählt Gresa. Neun Jahre behielt die Familie den Asylstatus. Konnte nur von Tag zu Tag planen. „In den Heimen, in denen wir gelebt haben, gab es für zehn Familien eine Toilette.“ Ein Bekannter der Eltern wurde nach zehn Jahren in Deutschland mitten in der Nacht abgeholt und ausgewiesen. Für Berat und Gresa waren diese Jahre prägend: „Wir haben gesehen, was das mit unseren Eltern gemacht hat und sind einfach dankbar dafür, dass es uns heute so gut geht und sie nicht aufgegeben haben.“ Vor über einem halben Jahr erfüllte sich der größte Traum der Eltern – ein eigenes Haus in Rotthausen.

Zentraler Treffpunkt ist aber die Gartenhütte: „In unserer Kultur werden alle ernsten und wichtigen Gespräche außerhalb des Hauses geführt“, erklärt Berat. Die Familie treffe sich oft im Garten, um Wichtiges zu besprechen und anschließend wieder ins Haus zu gehen. Hier erzählen sie auch, wie es war, nach über neun Jahren – vorher konnte die Familie nicht in ihre Heimatstadt Lipjan reisen – die Großeltern kennenzulernen. „Das war schon seltsam, plötzlich eine so große Familie zu haben.“ Auch wenn Berat und Gresa sich als Deutsche empfinden, wollen sie die Kultur ihrer Familie nicht vergessen oder vernachlässigen.

Nach mehreren Jahren in Flüchtlingsheimen hat sich die Familie Arifi in Rotthausen ihren Traum vom Eigenheim erfüllt(von links): Berat, Mutter Lendita, Bleron, Vater Agron, Medina und Gresa. Foto: Jennifer Humpfle

So studiert Gresa in Bochum Geschichte und Germanistik mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Fördersprache auf Lehramt. Ihr Praktikum machte sie Anfang des Jahres im Kosovo: „Ich spreche nach wie vor fließend albanisch und durfte dort alleine den Unterricht gestalten“, erklärt die 20-Jährige, die in ihrer Freizeit für den TC Gelsenkirchen in der Volleyball-Oberliga spielt. Die Stellung und das Ansehen von Lehrern im Kosovo seien ganz anders. „Der Umgang war insgesamt respektvoller.“ Durch Corona musste sie ihr Praktikum aber bereits nach sechs Wochen abbrechen.

Gresa: „Es ist schön, anderen helfen zu können“

Gresa ist Avicenna-Stipendiatin und arbeitet mit Kindern zusammen, die aus einem Flüchtlingsland nach Deutschland gezogen sind und hier ein neues Leben aufbauen möchten. „Es ist einfach schön, anderen helfen zu können und gleichzeitig unsere Stadt Gelsenkirchen zu repräsentieren“, sagt Gresa.

So sieht es auch ihr Bruder Berat. Der 22-Jährige studiert Politikwissenschaften in Duisburg, engagiert sich aber bereits im Integrationsrat der Stadt Gelsenkirchen und ist zudem in einer Partei im Kosovo aktiv, die auch Sitze in Deutschland hat. „Mich haben als Kind schon diese ganzen Prozesse während des Asylverfahrens interessiert, deshalb wollte ich immer wissen, wie es ist, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen.“

Die Heimat seiner Eltern verliert auch er dabei nie aus dem Blick: „Mein FSJ habe ich im Kosovo gemacht, an der gleichen Schule, an der Gresa jetzt war.“ Hier arbeitete er als Sprachassistent in dem Projekt „Loyola Tranzit“ mit Albanern und Roma: „Morgens war ich im Gymnasium, nachmittags im ärmsten Viertel des Kosovos.“ Er sorgte dafür, dass die beiden Welten sich kennenlernen und richtete eine Hausaufgabenbetreuung ein. „Die Gymnasiasten hatten die Ortschaft noch nie gesehen, obwohl sie in der Nähe wohnen.“ Vor Ort habe er manch blöden Spruch zu hören bekommen: „,Der weiße Albaner hilft den Zigeunern‘, hieß es manchmal“, erinnert er sich und schüttelt den Kopf. „Es ist eklig, so eine Haltung zu haben.“

Berat sieht sich als Rebell in der Familie

Berat war schon immer politisch interessiert und aktiv: „Ich bin ein bisschen der Rebell in der Familie“, sagt er und lacht. Er will etwas bewirken. Deshalb engagiert er sich im Rat, hat an seiner Uni eine Studierendenvereinigung gegründet und kandidiert für den Vorstand der AG „Migration und Vielfalt“ – seine Schwester unterstützt ihn dabei tatkräftig. „Wir möchten das Bild über den Kosovo hier verändern, Vorurteile entkräften und den deutsch-albanischen Austausch fördern.“

Einig sind sich beide, dass Integration an Bildung geknüpft werden muss. Deshalb hat Gresa auch den Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache gewählt. „Wir wollen die Kinder und Jugendlichen auffangen und ihnen helfen“, betont sie. Zudem wollen sie sich bei ihren Eltern bedanken, die so viel auf sich nahmen, um ihren Kindern eine sichere Zukunft zu ermöglichen: „Unsere Mutter hat anfangs über Zeichensprache und Kinderfernsehen Deutsch gelernt“, verrät Gresa, die irgendwann ein Buch über ihre Mama schreiben möchte. „Das Tolle an Deutschland ist ja, dass man hier gehört wird und etwas bewirken kann.“