Die Hausärztin, der Enkel und Oma vertrauen

Die Allgemeinmedizinerin Nelli Warkentin setzt auf Akupunktur und persönliche Betreuung

Nelli Warkentin hört ihren Patienten gerne zu. So findet sie oft tiefliegende Ursachen. Foto: Humpfle

Seit fast 20 Jahren betreut die Allgemeinmedizinerin Nelli Warkentin in ihrer Praxis, Steeler Straße 70, Patienten aus Rotthausen. Mit Jennifer Humpfle von der Rotthauser Post sprach sie darüber, warum es wichtig ist, sich Zeit für Patienten zu nehmen.

Welchen Schwerpunkt haben Sie in Ihrer Praxis?
Seit 2003 biete ich Akupunktur an. Das Diplom habe ich erworben, weil ich von der chinesischen Medizin überzeugt bin. Der Ansatz, dass man versucht so wenig Medikamente wie möglich zu geben, begeistert mich. Ich wollte nicht nur Schulmedizin anbieten, sondern auch Alternativen. Das Zusammenspiel aus Schulmedizin und Akupunktur ist sehr gut. Mit der Akupunktur kann ich Patienten auf natürliche Weise helfen, ihre Beschwerden zu lindern – ohne Medikamente. Ich würde gerne Diätetik anbieten. Aber das ist schwer umsetzbar, weil die wenigsten Apotheken die chinesischen Arzneikräuter anbieten.

Patienten berichten von Linderung durch Akupunktur

Wann kommt Akupunktur zum Einsatz?
Es hilft bei chronischen Schmerzen im Bereich des Rückens, der Hüfte und Kniegelenke. Die Krankenkassen übernehmen hierbei die Kosten. 95 Prozent aller Kopfschmerzen werden durch Akupunktur nachweislich gebessert und gelindert. Viele Patienten berichten, dass nicht nur ihre Schmerzen gelindert werden, sondern sie ausgeglichener sind und besser schlafen.

Wie sind Sie auf Rotthausen gekommen?
Ich bin selbst Gelsenkirchenerin. Abgesehen davon, kenne mich aufgrund meiner Tätigkeiten bei mehreren niedergelassenen Ärzten im Rahmen meiner Weiterbildungsassistenz in Gelsenkirchen gut aus. Durch eine Krankheitsvertretung bin ich 2001 nach Rotthausen gekommen. Mein Vorgänger wurde nicht mehr gesund und die Praxis stand daher zum Verkauf. Nach reichlicher Überlegung entschloss ich mich, die Praxis zu übernehmen. Es war also Zufall, aber ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut.

Was unterscheidet Ihre Praxis von anderen?
Ich denke, jede Praxis ist individuell – so wie jeder Mensch auch. Ich höre meinen Patienten gerne zu und bin bemüht, ihre Beschwerden ernst zu nehmen. Denn erfahrungsgemäß liegt der Kern oft viel tiefer. Wenn die Patienten sich öffnen und erzählen, kommt es zum Vorschein. Ich bekomme oft gesagt, dass ich eine gute Zuhörerin bin und die Patienten sich in meiner Betreuung wohlfühlen. Obwohl es die Zeit eigentlich nicht immer erlaubt.

Die Bindung zu den Patienten ist groß?
Ich betreue ganze Familien, über mehrere Generationen. Das macht mir Spaß und es ist schön, wenn man beobachtet, dass die Großmutter die Enkelin mitbringt oder die Kinder von Patienten auch als Erwachsene zu mir kommen. Manche ältere Patienten schaffen es nicht mehr die Treppe zur Praxis zu steigen. Diese besuche ich dann zu Hause. Ich kenne sie seit 20 Jahren, da wächst man zusammen.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihren Praxisalltag ausgewirkt?
Besonders in den letzten Monaten hat Corona uns alle mitgenommen. Angefangen mit dem Praxistelefon, das nicht mehr still steht. Dauerhaft werden Auskünfte über Corona erfragt. Meine Arzthelferinnen kommen an ihre Grenzen. Aber ich habe ein tolles Team, besser kann ich es mir nicht wünschen. Wir geben alle unser Bestes.

Trotzdem bleibt einiges auf der Strecke…
Die wöchentliche Bestellung der Impfstoffe und das Entnehmen der Testabstriche stellen mittlerweile einen Großteil unseres momentanen Praxisalltages dar. Wir müssen unseren Arbeitsablauf ständig neu ordnen und umstellen. Wir vergeben viele Termine zur Impfberatung. So bleibt leider weniger Zeit für die anderen Patienten. Viele Ältere trauen sich aufgrund der Infektionsgefahr nicht in die Praxis. Diese werden vernachlässigt und das bedauere ich.

Wie läuft es mit dem Impfen?
Wir empfehlen unseren Patienten zweigleisig zu fahren. Wer im Impfzentrum einen schnelleren Termin bekommen kann, sollte diese Chance nutzen. Wir führen eine Liste, berücksichtigen das Alter der Patienten und ob diese direkt Zuhause geimpft werden können oder gegebenenfalls schon vom mobilen Impfdienst geimpft wurden. All das muss berücksichtigt werden. Wer wird bevorzugt geimpft? Wer ist gefährdeter: Ein bettlägeriger Mensch oder ein Berufstätiger? Das abzuwägen, ist nicht leicht.

Alles unter einen Hut zu bekommen, ist schwierig

Wie stehen Ihre Patienten zur Impfung?
Die sind sehr froh, dass die Impfungen endlich da sind. Täglich gehen 50 bis 100 Anrufe ein, um nach vorhandenen Impfdosen zu fragen. Einige sind unsicher und fühlen sich nicht ausreichend informiert und wollen deshalb abwarten. Generell kann ich jedem dazu raten, sich impfen zu lassen. Ich bin erfreut, dass nun auch andere Fachrichtungen impfen dürfen. Das beschleunigt den Prozess.


Zur Person

Nelli Warkentin (60) kommt gebürtig aus Kasachstan, studierte dort Medizin und kam 1992 nach Deutschland. Zur Anerkennung ihres Diploms musste sie u.a. die Facharztprüfung abschließen.

Nelli Warkentin ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie ist stolze Oma von drei Enkelkindern. Die Familie steht für sie im Mittelpunkt. In ihrer Freizeit liest sie oder lernt Fremdsprachen. Sie wandert und reist gerne. Mit ihrem Mann entdeckt sie gerade Deutschland und Camping.